FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG
Kleine Glotzer: Kinder vorm Fernseher
Die Kinder sind da und zugleich weit weg; sie starren an uns vorbei, als blickten sie in ein großes, gähnendes Loch. Dabei tun sie nur das, was viele von uns jeden Abend tun: Sie sehen fern. Der Fotograf Wolfram Hahn hat sie dabei beobachtet.
Etwas stimmt nicht mit diesen Kindern. Sie sind da und zugleich weit weg; sie gucken, aber sie schauen nicht. Sie starren an uns vorbei, als blickten sie in ein großes, gähnendes Loch. Kranke, fiebernde, aus tiefem Schlaf gerissene Kinder sehen so aus, mit einem Gesicht, das jede Neugier auf die Welt verloren hat. Aber diese Kinder sind nicht krank. Sie tun nur das, was viele von uns jeden Abend tun: Sie sehen fern. Und wir sehen ihnen dabei zu.
Dreizehn fernsehende Kinder zwischen drei und elf Jahren hat Wolfram Hahn für seine Serie „Entzaubert“ aufgenommen, die das Fotografiezentrum C/O Berlin im Postfuhramt Oranienburger Straße zeigt. Hahns Kunstgriff ist einfach, aber wirksam: Er stellt seine Hasselblad-Kamera direkt auf das Fernsehgerät. So wird das, was auf dem Bildschirm läuft, ausgeblendet, und wir sind mit den Augen, den Gesichtern der Kinder allein. Wir sehen nicht das Programm, wir sehen die Programmierten.
Die dreizehn Porträts bilden zwei deutlich voneinander geschiedene Gruppen. Da sind zum einen die Drei- bis Achtjährigen, die noch keinen Widerstand gegen das Medium kennen. Sie glotzen in die Mattscheibe wie in die Zauberkugel eines Hypnotiseurs. Der Junge mit der Latzhose schwitzt vor Anspannung, einem anderen, der einen grauen Kapuzenpullover trägt, steht vor Staunen der Mund offen, das Mädchen mit den Zöpfen starrt wie vom Donner gerührt. Was erzählen uns diese Gesichter? Nichts. Sie sind stumm. Ebendarin liegt ihr Schrecken. Kein Kind, das bei Sinnen ist, blickt so ausdruckslos auf seine Umgebung. Kein Kind außer den Fernsehkindern. Wenn der Zauber endet, wenn das Bild erlischt, werden sie aus ihrer Lähmung erwachen. Aber die Zeit, die sie vor dem Fernsehgerät verloren haben, wird nicht mehr aufzuholen sein.
Die zweite, kleinere Folge von Porträts zeigt Kinder, welche die entscheidenden ersten Jahre des Lernens bereits hinter sich haben. Ihre Gesichtszüge sind wacher, konzentrierter, die Augen ans Bild gefesselt, nicht ins Bild entrückt. Das Mädchen mit dem buntgestreiften Wollpullover guckt beinahe schon so in die welterklärende Röhre, wie wir es von uns selbst erwarten - illusionslos, mit einem Unterton selbstbewussten Misstrauens. Vielleicht ist das eine Projektion des Betrachters, vielleicht aber auch die eigentliche Botschaft dieser Fotos: dass man Fernsehen lernen kann, lernen muss. Seit längerem diskutieren Neurologen, Medienwissenschaftler und Erzieher über die Wirkung des Bildschirms auf Kindergehirne. Wolfram Hahns Fotografien versorgen diese Debatte mit dem nötigen Anschauungsmaterial. Bei Hahn können wir sehen, was Fernsehen mit drei, mit sechs, mit zehn Jahren bedeutet. Seine Bilder sollten ebenso Allgemeingut werden wie die allseits plakatierten Ansager und Serienstars der Sender: Ebenso wie diese zeigen sie das Gesicht unserer Zeit.
Der Katalogaufsatz von Daniel Klemm enthält neben Zitaten aus Neil Postmans Studie über „Das Verschwinden der Kindheit“ auch einen Hinweis auf Jeff Walls Fotoserie „Movie Audience“ von 1979. Auch bei Wall sieht man, als Teil eines kunstvoll inszenierten Gruppenbilds von Kinozuschauern, ein Kind, einen kleinen Jungen. Sein Gesichtsausdruck ist erwartungsvoll, er schaut ins Licht wie in eine bessere, jenseitige Welt. Was hat sich seither in unserer Wahrnehmung von Kino und Fernsehen verändert? Vielleicht haben wir nur den Glauben daran verloren, dass die Bilder uns zu besseren Menschen machen können. Ihre Magie ist keine Erweckung, sondern eine Betäubung. Das wissen wir. Bei Wolfram Hahn kann man es erfahren.
Text: Andreas Kilb, June 2007
